Männer und mentale Gesundheit:
Warum Schweigen keine Stärke ist
Und warum der Denkraum genau der richtige erste Schritt sein kann.
Es gibt einen Satz, den Björn Süfke, Diplom-Psychologe und einer der bekanntesten Männerberater im deutschsprachigen Raum, im Gespräch mit Matze Hielscher im Podcast Hotel Matze sinngemäss sagt: Es sind nicht die Gefühle, die Männern fehlen. Es ist der Zugang zu ihnen, der ihnen abhanden gekommen ist.
Süfke arbeitet seit fast 30 Jahren in einer der ersten Männerberatungsstellen Deutschlands. Er kennt die Geschichten, die hinter verschlossenen Türen bleiben. Die Männer, die jahrelang funktioniert haben. Die gearbeitet, gespurt und ausgehalten haben, bis es nicht mehr ging. Und die dann, oft viel zu spät, zum ersten Mal um Hilfe gebeten haben.
Die Zahlen, die wir nicht ignorieren dürfen
In Deutschland sterben jedes Jahr rund 7.500 Männer durch Suizid, bei Frauen sind es rund 2.800, mehr als das Doppelte. In Österreich nehmen sich fast viermal so viele Männer das Leben wie Frauen: 972 gegenüber 247 im Jahr 2024. In der Schweiz liegt die Suizidrate bei Männern mit 16,7 pro 100.000 Einwohner fast dreimal so hoch wie bei Frauen.
Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Väter, Söhne, Brüder, Freunde.
Und trotzdem suchen Männer deutlich seltener psychologische Unterstützung als Frauen. Studien zeigen: Männer warten im Durchschnitt bis zu 70 Monate, also fast sechs Jahre, bevor sie sich professionelle Hilfe holen. Sie warten länger. Sie reden weniger. Sie schweigen, bis der Körper oder die Psyche anfangen, laut zu werden, durch Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Sucht oder einen Zusammenbruch.
Warum Männer so lange warten
Björn Süfke beschreibt in seinem Buch «Männerseelen» und in Interviews, wie Männer sozialisiert werden: Stark sein. Nicht weinen. Nicht klagen. Selbst klarkommen. Diese Botschaften sitzen tief. Sie kommen nicht als Vorwurf, sie kommen als Erwartung. Und viele Männer haben sie so verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr merken, wie viel sie tragen.
«Es sind nicht die Gefühle, die Männern fehlen. Es ist der Zugang zu ihnen, der ihnen abhanden gekommen ist.»
Björn Süfke
Dazu kommt: Schwäche zeigen fühlt sich für viele Männer wie Versagen an. Hilfe zu suchen bedeutet zuzugeben, dass man es alleine nicht schafft. Das ist keine Faulheit und keine Sturheit. Das ist das Ergebnis von Jahrzehnten einer Sozialisation, die Gefühle als Hindernis und nicht als Information bewertet hat. Traditionelle Männlichkeitsnormen machen Männer anfälliger für psychische Erkrankungen und senken gleichzeitig ihre Bereitschaft, sich Unterstützung zu holen. Ein Teufelskreis.
Der erste Schritt ist der schwerste
Was braucht es also? Keinen Raum, der wie eine Therapiepraxis klingt. Keine Diagnose. Kein Formular. Keinen Termin in sechs Monaten auf einer Warteliste. Was es braucht, ist ein niederschwelliger Einstieg. Ein Ort, der nicht sofort alles fordert. Ein Gespräch, das nicht gleich die ganze Geschichte will. Ein Mensch, der einfach zuhört, ohne zu urteilen.
Genau das ist der Gedanke hinter dem Denkraum.
Der Denkraum: ein erster Schritt, kein letzter
Der Denkraum ist kein Ersatz für Therapie. Er ist der Raum davor. Für Menschen, die merken, dass etwas nicht stimmt. Die noch nicht wissen, wie sie es benennen sollen. Die vielleicht auf einer langen Warteliste stehen oder einfach noch nicht bereit sind, den Schritt in eine Praxis zu wagen.
Gerade für Männer ist dieser niederschwellige Einstieg wertvoll. Nicht weil Männer schwächer wären, sondern weil sie anderen Zugängen bedürfen. Kein klinisches Setting. Kein Druck. Kein Label. Sondern ein Gespräch auf Augenhöhe, das Orientierung gibt und den nächsten Schritt sichtbar macht. Süfke nennt es «liebevolles Konfrontieren»: Männer brauchen keine Schonung, aber sie brauchen Begegnung. Sie brauchen jemanden, der sagt: Ich sehe dich. Und ich bin nicht überfordert von dem, was du trägst.
Stärke sieht heute anders aus
Es ist keine Schwäche, Hilfe zu suchen. Es ist das Mutigste, was ein Mensch tun kann, der gelernt hat, alleine klarzukommen. So tragen wir gemeinsam zu einer positiven Gesellschaftskultur bei und kümmern uns um eine enkeltaugliche Zukunft.
Wenn du gerade spürst, dass du Unterstützung brauchst, dass du unter der Oberfläche mehr trägst als du zeigst, dann ist der Denkraum für dich da. Der erste Schritt muss kein grosser sein. Er muss nur der erste sein.
Quellen
- Hotel Matze Podcast mit Björn Süfke: «Wie finden Männer Zugang zu ihren Gefühlen?»
- Björn Süfke im Deutschen Ärzteblatt: «Männer brauchen ein liebevolles Konfrontieren»
- Männer leiden leise und suchen zu spät Hilfe – watson.ch
- Männer seltener in Therapie als Frauen – LIMES Schlossklinik
- Suizidalität Schweiz – Bundesamt für Gesundheit
- Suizidstatistik Österreich 2024 – Sozialministerium